Dissoziative Störungen

  1. Was sind dissoziative Zustände?
  2. Neueste Ansätze: Somatische Beschwerden als dissoziative Störung?
  3. Behandlung von dissoziativen Störungen
  4. Literatur

2. Neueste Ansätze: Somatische Beschwerden als dissoziative Störung? 

Viele Patienten mit eigentlichen dissoziativen Störungen suchen oft zunächst Hilfe wegen somatischer Erkrankungen (körperliche Beschwerden) und berichten, dass sie oder ihre Ärzte die vielfältigen und "merkwürdigen" Symptome nicht zuordnen können, die aus scheinbar unerklärlichen Gründen kommen und gehen. Es zeigte sich in neuesten Untersuchungen (insbesondere von Nijenhuis, van der Kolk), dass nicht nur die psychologischen, sondern auch die somatischen (körperlichen) Komponenten der Dissoziation bei der langfristigen Anpassung an traumatische Erlebnisse eine wichtige Rolle spielen. So sind diese Körpersymptome als somatische Dissoziation zu begreifen und als Ausdruck einer Desintegration der gesamten Persönlichkeit zu betrachten.

Die herkömmliche Definition der Dissoziation ist unzureichend, weil sie ausschließlich auf psychologischen Konzepten beruhte.

Bisher wurde übersehen, dass die chronischen körperlichen Leiden vieler Patienten tatsächlich dissoziative Störungen sind.

Gerade der renommierte Traumaexperte Ellert Nijenhuis vertritt die Auffassung, dass die Komponenten der somatoformen Dissoziation, die Betäubungs- und Erstarrungszustände verursachen, mit universellen evolutionären Überlebensstrategien von Tieren verwandt sind. Aus dieser Perspektive betrachtet könnte die menschliche Dissoziation ein direktes Resultat einer instinktiven Überlebensreaktion sein.

So beschreibt auch die ebenfalls auf dem Gebiet der Traumatologie hochgeschätzte Psychologin Michaela Huber:

"Es tut so weh":
    Wer etwas Unerträgliches erleiden, Unaushaltbares doch aushalten musste, wird oft spüren: Es tut so weh. Auch im Nachhinein schmerzt es, und zwar auf vielen Ebenen, seelisch, geistig, spirituell - und körperlich. Bei manchen Menschen äußert es sich sogar in erster Linie körperlich. Da gibt es ein Zuviel an Empfinden: unberechenbare, plötzlich einschießende Schmerzen zum Beispiel; oder immer wiederkehrende Entzündungen, die lange nicht wieder weggehen; oder "Male" auf der Haut, dort, wo das Entsetzliche geschah; oder allgemein das Gefühl, schwer krank zu sein, dem Tode nahe ...

Oder aber: "Ich fühle gar nichts":
    In denselben Menschen, die ein Zuviel an Empfindungen nach traumatischen Erlebnissen haben können, gibt es nicht selten auch - möglicherweise in bestimmten Phasen ihres Lebens nach dem Trauma - ein Zuwenig an Empfinden: Der Körper als Fremd-Körper fühlt sich wie taub an; oder manche Körperteile fühlen sich wie "nicht zugehörig" an; oder es gibt Lähmungserscheinungen, Schmerzunempfindlichkeit ... Es kann sein, daß echte Verletzungen oder Erkrankungen so gut wie gar nicht wahrgenommen werden. Überempfindlichkeit und "Fehlwahrnehmungen" hier - "Taubheit" für körperliche Bedingungen dort: Beides kann sich abwechseln. Ähnlich wie die Seele einerseits höchst alarmiert sein kann: "Da ist doch etwas, das noch nicht verstanden, nicht integriert wurde!" - schreit sozusagen das Unbewußte -, kann sie andererseits "taub" sein, nachdem das Unerträgliche geschehen ist, weil Nichtfühlen schützt. Hier könnte das Motto des Unbewußten lauten: "Du hast es damals, als das Ungeheuerliche geschah, nicht ausgehalten. Du wirst es jetzt auch nicht aushalten...

Es gehört zu den Merkmalen der Posttraumatischen Belastungsstörung, dass der Betroffene einerseits übererregt ist und das Trauma wiederholt nacherlebt (nicht nur in Form von Bildern kann wiedererlebt werden, sondern auch der Körper kann es!), und dass andererseits der Betroffene im Alltag wie abgeschnitten ist von den eigenen traumatischen Erlebnissen und ein Art "Nicht-Ich-Gefühl" dazu entwickelt: "Das ist mir nicht passiert." Oder: "Das ist längst vorbei, das habe ich längst überwunden." Oder: "Das hat mir gar nichts ausgemacht."

Dissoziation, verstanden als ein traumabedingter Mangel an Integration, ist bislang von Psychotherapeuten weitestgehend als eine rein psychische Angelegenheit betrachtet worden. Dissoziative Phänomene sind als Amnesie (das Nicht-Mehr-Erinnern-Können), als Derealisation (Umgebungsbedingungen nicht angemessen wahrnehmen können), als Depersonalisation (das Selbst und seine Bereiche nicht adäquat wahrnehmen können, etwa zwischen einem beobachtenden und einem erlebenden Ich spalten), als Fugue (sich körperlich von einem Ort entfernen, sich an einem anderen wiederfinden und nicht wissen, wie man dort hingekommen ist) sowie als Identitätsspaltungen beschrieben worden (s. oben).

Die körperliche Dissoziation wurde bislang im Rahmen der bisher existierenden Dissoziationstheorien ausschließlich unter der Rubrik der Depersonalisation beschrieben (auch körperliche Bereiche können unter Umständen nicht adäquat wahrgenommen werden, z.B. die eigene Hand betrachten und denken, dass sie nicht zu einem selbst gehört). Es fehlte bisher das Verständnis dafür, wie sich durch traumatischen Stress die gesamte Körperwahrnehmung verändern kann.

Dissoziationen treten auf:

  • als ein Zuviel (etwa in Form der Nachhall-Erinnerungen oder Flashbacks)
  • als ein Zuwenig (etwa ein Nichtfühlen-Können in bestimmten Körperregionen)
  • als ein Verschobensein (manchmal kommt es zu bizarren Gefühlen wie "eingegebenen" Körperempfindungen oder "entzogenen" Fähigkeiten, den Körper zu benutzen)

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