Borderline-Persönlichkeitsstörung

  1.  Borderline-Persönlichkeitsstörung
  2. Diagnose und Therapie
  3. Entstehung nach M. Linehan und M. Bohus
  4. Entstehung nach Daniel N. Stern
  5. Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung
  6. Borderline-Eltern
  7. Neurobiologische Erklärung
  8. Literatur

7. Neurobiologische Erklärung für die Fehlregulation der Gefühle bei Borderline  

 Nachdem die Borderline-Persönlichkeits-Störung (BPS) über mehrere Jahrzehnte von Klinikern häufig als Restkategorie für diagnostisch oder therapeutisch schwierige Patienten oder auch als subschizophrene Erkrankung aufgefasst wurde, ist das Störungsbild in jüngster Zeit vermehrt auch neuroanatomisch untersucht worden. Es wurde in den letzten Jahren damit begonnen, bei BPS die Hirnareale zu untersuchen, denen eine Bedeutung für die Auslösung und Regulation von Gefühlen zugemessen wurde. So wurden bestimmte Bereiche des sog. Limbischen Systems und Teile des Hirnes im Stirnbereich (neokortikale frontale Strukturen), die eine zentrale Rolle für emotionale, motivationale, kognitive (gedankliche) und motorische Verarbeitungsprozesse spielen, untersucht. Auch die Fähigkeit zur sozialen und emotionalen Selbstregulation wird dem Zusammenwirken spezifischer frontaler und limbischer Areale zugesprochen. Mittlerweile zeigen neuere Forschungsergebnisse, dass nicht nur Schädigung des Gewebes frontaler und limbischer Strukturen (z.B. nach einem Unfall) gravierende Persönlichkeitsveränderungen verursachen, sondern dass auch chronischer Stress oder erhebliche Verwahrlosungserlebnisse in der Kindheit zu einer Beeinträchtigung neurobiologischer Reifungsprozesse und damit verbundenen kognitiven und emotionalen Störungen führen können (Bohus, M. u. Schmahl, C., 2006). So ergaben Untersuchungen an Tieren, die unkontrollierbarem Stress ausgesetzt waren, Hinweise auf funktionale und strukturelle neuronale Veränderungen im limbischen System. Dabei wurde insbesondere eine Schädigung und Volumenverminderung der Strukturen im Hippocampus. Der Hippocampus ist die zentrale Schaltstation des limbischen Systems. Hier fließen Informationen verschiedener sensorischer Systeme zusammen, die verarbeitet und von dort zum Kortex zurückgesandt werden. Damit ist er eminent wichtig für die Gedächtniskonsolidierung, also die Überführung von Gedächtnisinhalten aus dem Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis).

Es fanden sich Volumenreduktionen des Hippocampus bei Patienten mit BPS gegenüber gesunden Kontrollgruppen um 16 %. Auch das Volumen der Amygdala war um 8 % verkleinert (Driessen et al., 2000). Die Amygdala oder der Mandelkern ist ein Kerngebiet des Gehirns im mittleren Teil des Temporallappens. Sie gehört zum limbischen System. Die Amygdala ist an der Entstehung der Angst wesentlich beteiligt und spielt allgemein eine wesentliche Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren.

Diese Befunde decken sich mit den Ergebnissen anderer Arbeitsgruppen, die ebenfalls Volumenreduktionen dieser Hirnareale bei Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) fanden.

Da bei der Entstehung der BPS frühe Gewalterfahrungen und unkontrollierbarer Stress eine zentrale Rolle spielen, kann zumindest im Analogieschluss eine traumabedingte Störung angenommen werden. Klinische Studien belegen die Bedeutung des Lebensalters zum Zeitpunkt der Traumatisierung. Da die Hirnentwicklung über die Pubertät bis weit in die Adoleszenz hineinreicht, muss die Rolle von vulnerablen (verletzbaren) Entwicklungsphasen für die Entstehung traumabedingter Persönlichkeitsveränderungen in Betracht gezogen werden.

Es kommen aber noch weitere Befunde hinzu, die auf neuroanatomische Besonderheiten hindeuten, die die Störung von Affektivität und Impulskontrolle bei Patienten mit BPS erklären können. Für die hohen Affektintensität einerseits und ein verzögertes Abklingen von hochemotionalen Zuständen andererseits finden sich in neuesten Untersuchungen an Patienten mit BPS eine Hypersensitivität der Amygdala gegenüber negativen Stimuli (Herpertz et al. 2001) im Vergleich zu gesunden Frauen. Weiterhin finden sich neben der reizspezifischen Überreagibilität der Amygdala auch ein zeitlich stabiler Hypometabolismus inhibitorischer Strukturen, d.h. herabgesetzte Aktivität des präfrontalen Kortex, der insbesondere für die Verarbeitung kognitiver Prozesse zuständig ist, so dass diese kognitiven Prozessverarbeitung nur unzureichend ablaufen und durch emotionale Stimuli immer wieder unterbrochen werden. Hier können wieder Parallelen zur PTBS gezogen werden, bei der das Trauma-Gedächtnis dadurch gekennzeichnet ist, dass das Trauma nur ungenügend in seinen Kontext von Zeit, Raum, vorangegangenen und nachfolgenden Informationen und anderen autobiografischen Erinnerungen integriert ist und durch spezifische Trigger leicht reaktiviert werden kann.

Die anatomische und physiologische Forschung bei BPS-Patienten mit neuen bildgebenden Verfahren begann vor ca. 20 Jahren und hat eine enorme Zunahme an Studien erfahren, die ich an dieser Stelle kaum alle wieder geben kann und empfehle der/m interessierte(n) Leser(in) die ausführliche Lektüre des Handbuches "Körper und Persönlichkeit" von Remmel, Kernberg et al., das sich unten wiederfindet. Außerdem verweise ich auf meine ausführliche Seite bezüglich dem menschlichen Gehirn, seiner Funktionen und Veränderungen nach einem Trauma hier auf meiner Homepage unter dem Link "Trauma und EMDR"

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