Magersucht 

  1. Magersucht
  2. Medizinische Aspekte
  3. Körperliche Reaktionen auf Magersucht
  4. Entstehung von Magersucht
  5. Zeitliches Auftreten von Magersucht
  6. Warum Frauen häufiger betroffen sind

4. Entstehung von Magersucht

Die Gründe für die Entstehung von Magersucht und anderen Essstörungen, wie Bulimie oder binge eating liegen innerhalb der Familie.

Diese Behauptung wird meist von den Eltern zunächst empört zurückgewiesen, da schließlich die Essgestörte die einzige offensichtlich Kranke ist. Es geht mir auch auf keinen Fall darum nur den Eltern die alleinige Schuld zu geben, auch wenn meine skizzierte Darstellung einiger Gründe für Essstörungen oft einseitig die Fehler auf Seiten der Eltern aufzeigt. Die Eltern-Generation ist ihrerseits durch die Fehler der Großeltern-Generation geprägt, so dass sich Eltern nur begrenzt weiter entwickeln konnten. Eigene Verletzungen, Beschämungen, übertriebene Verbote und emotionale Defizite begrenzen ihr Verhalten als Eltern. Auch wenn sie anders als ihre Eltern reagieren wollten, stoßen sie bei sich auch auf Grenzen, auch wenn sie es nie wollten. Deshalb sollte die Genesung der Tochter nicht mit dem Selbstwert- und Schuldgefühlen der Eltern verknüpft werden in dem Sinne: Nur wenn du gesund wirst, geht es uns wieder gut.

Eine Familie besteht aus einzelnen Familienmitgliedern und bildet ein System, in welchem jeder bestimmte Rollen übernimmt, die Funktionen für die Familie haben. Das Zusammenleben der Familie ist durch Regeln geordnet. In manchen Familien werden diese Regeln klar benannt, und es besteht die Möglichkeit, darüber zu verhandeln und diese ggf. zu verändern. Es gibt aber auch Familien, in denen Regeln nicht ausgesprochen werden, trotzdem als selbstverständlich und sogar als unhinterfragbar innerhalb der Familie betrachtet werden. Einige Regeln stammen sogar aus den Generationen davor. Ein Beispiel einer solchen Familienregel könnte lauten: Kinder haben sich immer den Eltern unterzuordnen. Konzepte aus Familientherapie, und -forschung unterscheiden sowohl entwicklungsfördernde (unterstützende) als auch entwicklungshemmende (dysfunktionale) Regeln in Familien. Diese Sichtweise, die sowohl die verschiedenen Generationen als auch die Beziehungsmuster innerhalb der Gruppe, sprich Familie, betrachtet wird in der Psychologie systemisch genannt.

Aus systemischer Sicht ist die magersüchtige Person, die das Symptom entwickelt, nicht alleine krank, sondern die Regeln in dieser Familie sind entwicklungshemmend oder dysfunktional.

Was sind dysfunktionale, was funktionale Systeme?

In dysfunktionalen Systemen wird - auf Kosten der eigenen Entwicklung - eine zu hohe Unterordnung und Anpassung gefordert, welche die Entwicklung einer autonomen Persönlichkeit verhindert. Die Selbstwerdung wird durch die Familienregeln eingeschränkt. Anderssein wird bestraft, Gleichsein belohnt. Dies bezieht sich auch auf die Wahrnehmung eigener Gefühle und Bedürfnisse, die den Vorstellungen der Familie entsprechen sollen. Auf die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes wird weniger eingegangen, stattdessen werden diese ignoriert, abgewertet oder bleiben unbeantwortet. So können Magersüchtige und andere Essgestörte nur sehr unzureichend eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen und nehmen nur ein diffuses Unwohlsein oder Hunger wahr, ohne Zusammenhang zu einem bestimmten Gefühl oder einem speziellen Wunsch. Vor allem Bedürfnisse nach Nähe, Schutz, Unterstützung, liebevoller Zuwendung sowie Bestätigung und Verständnis bleiben unbeantwortet. Die Betroffenen haben nie gelernt, mit welchem Verhalten sie ihre emotionalen und sozialen Bedürfnisse befriedigen und sich Wohlbefinden verschaffen können. In dysfunktionalen Familiensystemen wird mehr Wert auf Fügsamkeit und Unterwerfung als auf Eigenständigkeit und Selbstsicherheit gelegt. So entsteht ein nach außen hin angepasstes Verhaltensmuster, das aber losgelöst von der eigenen Person besteht.

Weiterhin herrscht in vielen dysfunktionalen Familien die unausgesprochene Stimmung, die der Essgestörten suggeriert: Egal, was du machst, du wirst es mir nie recht machen. Dies hat zur Folge, dass die Töchter das Gefühl haben: Ich kann machen was ich will, es ist nie genug, nie richtig. Ich bin Schuld, dass es den Eltern schlecht geht, dass sie unzufrieden mit mir sind, nur weil ich das Richtige nicht tue. Zurückbleibt das anhaltende Gefühl von Minderwertigkeit, nichts zu können und nutzlos zu sein. Dies wird mit noch mehr Anstrengung versucht zu überwinden, um aber wieder erneut zu scheitern, weil das Scheitern programmiert ist.

Dieses Unvermögen der Eltern, nie mit den Töchtern zufrieden zu sein, hat wiederum mit den Bedürfnissen der Eltern zu tun. So ist z.B. eine Mutter einer Magersüchtigen als Erwachsene im Grunde unsicher, unzufrieden, einsam oder sogar unglücklich, weil auch ihre Weiterentwicklung von Zuhause nicht erwünscht war. So kann die Mutter es auch nicht ertragen, dass ihre - oft auch sehr hübsche - Tochter zur Frau, sprich Konkurrentin, heranreift. Dies bleibt jedoch unausgesprochen, Mutter und Tochter verstehen sich sogar so gut, wie richtige Freundinnen, aber eben nicht wie Mutter und Tochter. Die Mutter wiederholt das, was sie selbst als Tochter bei ihrer Mutter erlebt hat, die sie ihrerseits an der Schwelle zum Erwachsenwerden nicht in ihrer Selbstwerdung unterstützt hat und neben sich als Erwachsene dulden wollte. Die Magersüchtige wagt nicht, sich diese Problematik klar bewusst zu machen, weil dies zu Konflikten mit der Mutter führen würde und reagiert auf diese Situation mit Entwicklungsstillstand, den sie durch Hungern und damit Herunterfahren der Hormone erreicht. Mit Vermeiden des Konflikts wird zusätzlich ein Zustand vermeintlicher Autonomie erreicht, die in der Kontrolle ihres Körpers besteht. Die Flucht in die Magersucht ist ein Weg sich eine eigene Nische zu schaffen, doch autonom zu sein, wo sich kein anderer einmischen kann und gleichzeitig auch die Möglichkeit gegen die Anweisung zu protestieren: Du kannst es mir nicht Recht machen.

Die Töchter spüren die große Leere, Wut, Enttäuschung oder Traurigkeit hinter der Fassade und schrecken vor dem Schritt ins Erwachsenwerden zurück, da kein erstrebenswertes Ziel in Aussicht zu sein scheint. So sind die vorgelebten Verhaltensmodelle des Erwachsenenlebens entweder abschreckend oder scheinbar unerreichbar.

In funktionalen Systemen lernen die Kinder, ihre Bedürfnisse zu benennen und angemessen auf sie zu reagieren. Es gelingt ihnen erfolgreich die Unterscheidung, ob sie Hunger haben oder ob ihr Unwohlsein anderen Bedürfnissen entspricht. So werden sie als Erwachsene, im Gegensatz zu essgestörten Frauen, bei Einsamkeit nicht essen, sondern versuchen, Kontakte aufzunehmen, um ihre emotionalen Bedürfnisse zu stillen. Frustrationssituationen werden nicht zur Folge haben, dass sie sich als minderwertig erleben oder das Gefühl entwickeln, dass sie oder ihre Wünsche nicht in Ordnung seien. Dass Wünsche nicht erfüllt werden, löst in ihnen vorübergehende Traurigkeit und Enttäuschung aus, die aber wieder vorbei gehen und nicht in anhaltende Gefühle von Verlassenheit und Minderwertigkeit münden. In funktionalen Systemen können die Grundbedürfnisse nach Kontakt, Zuneigung, menschlicher Wärme, Wohlbefinden, Schutz, Sicherheit, Akzeptanz unterstützt, ausreichend befriedigt werden, so dass damit eine wichtige Basis zur Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls gelegt ist. In funktionalen Systemen sind die Beziehungen zu Menschen von Achtung getragen und nicht von Unterwerfung oder übertriebener Bewunderung. Menschen, die unter diesen Bedingungen aufwuchsen, sind konfliktfähig und können notwendige Auseinandersetzungen und Abgrenzungen durchführen, ohne sich selber dabei aufzugeben und ohne den anderen zu überrennen.

In Familien, die diese Entwicklungen fördern, wird die physische, psychische und sexuelle Grenze des Kindes respektiert, ihm werden zugleich eigene Räume zugestanden. Damit lernt es, eigene und die Grenzen anderer Menschen zu achten. Es verinnerlicht das Gefühl, so wie ich bin, bin ich in Ordnung, meine Gefühle und Bedürfnisse sind berechtigt und werden ernst genommen. Ich muss nicht perfekt sein, um geliebt zu werden, sondern darf Fehler machen, um und aus ihnen zu lernen. In funktionalen Familien lebt keiner auf Kosten des anderen. Die Eltern können für ihre eigenen Bedürfnisse sorgen und erwarten nicht von ihren Kindern, dass diese ihre Probleme lösen. Die Grenzen sind klar aber auch nicht starr und unbeweglich. In funktionalen Familien lernen Kinder bedingungslose Liebe kennen, im Gegensatz zu Familien vieler Essgestörten, für die Liebe bedeutet: Sei so, wie ich dich haben möchte. Das bedeutet aber, Liebe und Zuwendung nur durch Anpassung und Selbstverleugnung bekommen zu können, was in der nächsten Beziehung gleichfalls nur wiederholt werden kann.

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